Titelbeschreibung: E-Book

30 A. Schäfer: Das Gartenzimmer

Andreas Schäfer

Das Gartenzimmer

Dumont

Manchmal liest man nur wenige Seiten eines Romans und weiß doch gleich: Man hält ein Meisterwerk in Händen. Was Andreas Schäfer mit seinen früher erschienenen Romanen, besonders „Wir Vier“ und „Gesichter“, schon andeutete, gelingt ihm diesmal noch trefflicher. Mit „Das Gartenzimmer“ liefert er eine Art Meisterstück ab. Vielleicht liegt das darin begründet, dass alles, was Schäfer erzählt (die Geschichte eines Hauses, der Menschen, die dieses Haus bewohnen, der Zeitläufte, die Haus und Menschen erleben), aufgrund des spannenden Plots und der großartigen sprachlichen Gestaltung den Rezipienten derart in die Geschichte hineinzieht, dass er lesend gleichsam als Beurteilungsinstanz zum Teil des Erzählten wird?

Die Handlung ist schnell beschrieben: Ein visionärer Architekt baut Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin eine Villa. Kunden sind ein Professor und seine Frau. In den 90iger Jahren erwirbt ein vermögender Pharmafabrikant das Haus, das er mit Frau und Sohn bewohnt. Die Villa ist einerseits Wohnhaus der Familie, andererseits auch ein Pilgerort für Architekturfans, denen die Besichtigung des neoklassizistischen Landhauses ermöglicht wird.

Der Name des Architekten ist Max Taubert. Dessen Lebensweg ist aufs Engste mit der Geschichte der Villa verknüpft, die wie in einer Art Spiegel Höhen und Tiefen, Aufstieg und Ruhm, düsteres Geheimnis und Niedergang eines Architektenlebens und der mit ihm verbundenen Menschen abbildet. Tauberts Rolle während der Diktatur der Nazis und seine Verstrickung in grausamste Machenschaften bilden dabei das Zentrum des glänzend recherchierten historischen Romans. Schäfer porträtiert Taubert so genau, dass man während der Lektüre immer wieder den Wunsch verspürt, sich Informationen über den „realen“ Taubert zu verschaffen, um dessen singuläre Bedeutung für die deutsche Architekturgeschichte angemessen einschätzen zu können.

Ein vergebliches Unterfangen, denn in seiner Danksagung am Ende des Romans schreibt Schäfer: „Auch wenn in diesem Roman Personen aus der Zeitgeschichte auftreten und erwähnt werden: Alle Figuren und Ereignisse der Romanhandlung sind erfunden.“ (S. 346)

Die erzählte Zeit umfasst mehr als 100 Jahre. Der Roman endet im Jahr 2013. Ein Ehepaar mit zwei Kindern wird das vom Verfall bedrohte Haus kaufen. Ob das neue Jahrhundert den künftigen Bewohnern eine Zeit des Glücks schenken wird? Davon zu berichten, das wäre Gegenstand eines Romans, den Andreas Schäfer nicht mehr erzählt.

„Ist das Haus wirklich so besonders? … Legen wir die Bedeutung hinein, weil Taubert später berühmt wurde, oder wirkt das Haus von sich aus? Wissen färbt den Blick, das ist das Problem … Wir wollen etwas festhalten, was nicht festzuhalten ist … Jeder nutzt das Haus aus anderen Motiven (S. 248) … In diesem Haus hat die Vergangenheit keinen Ort. Sie vergeht nicht. Alles ist immer da. Gegenwärtig. Deshalb komme ich von diesem Haus nicht los.“ (S. 251)

So wie der Leser von diesem Roman nicht mehr loskommen wird.
Schäfer erzählt, was eine Wohnung aus und mit Menschen, die sie bewohnen, machen kann. Dabei bedient er sich ganz unterschiedlicher Genreausprägungen. „Das Gästezimmer“ ist gleichzeitig Familien- und Architekturroman, Künstlerbiografie und politisch-historisches Zeitdokument.

Die Lektüre wird ganz gewiss lange nachwirken.

30 A. Schäfer: Das Gartenzimmer. 2021, 978-3-8321-8390-5 [ISBN]


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