Titelbeschreibung: E-Book

45 | Barbara Pym: Quartett im Herbst

Barbara Pym / dt. von Sabine Roth

Quartett im Herbst

DuMont

Rainer Moritz hat den Roman empfohlen. Im SWR-Lesenswert-Quartett. Als typisches Beispiel für britische Erzählkunst. Humorvoll und ernsthaft zugleich. Der Roman sei eine Art moderner Klassiker. - Moritz ist ein Literaturmensch, dem ich vertraue. Also beschaffe ich mir den Roman. Neue Übersetzung, lese ich. Seinerzeit nominiert für den Booker-Preis. „Die Wiederentdeckung eines englischen Klassikers“, behauptet der Klappentext. (U4) Was mich skeptisch macht: der Schutzumschlag. Irgendwie changierend zwischen orange und rosa, eine Frucht (Apfel, Tomate?). Vielleicht doch eher Salonliteratur, Zielgruppe 60+, ältere weibliche Leser? - Verfluchte Vor-Urteile. Ist auf Rainer Moritz Verlass?

2 Frauen, 2 Männer, alle 4: Büroangestellte. Was sie genau tun, bleibt unklar. Alle haben die 60 überschritten. Der Ruhestand rückt immer näher. Man kennt sich - und kennt sich doch nicht.

Die eine bewohnt ein eigenes Haus und hortet Konserven. Die andere träumt von einem Leben auf dem Land im Haus ihrer Freundin. Der eine ist ein beflissener Kirchgänger, ständig auf der Suche nach stiller Einkehr und Andacht. Der andere, ein notorischer Nörgler, verbringt seine freie Zeit in Museen und mit eher wenig erfreulichen Verwandtenbesuchen. Alle 4 führen ein Leben in fortgesetzter Ereignislosigkeit im scheinbar immerwährenden Stillstand einer allumfassenden Langeweile, deren Höhepunkte beispielsweise das Ordnen von Milchflaschen und Einkaufstüten sind oder etwa der Umzug von einem möblierten Zimmer in ein anderes. Allein Marcias Krebsoperation, durchgeführt vom vergötterten Dr. Strong, hat einmal für kurze Zeit regelrechtes Aufsehen erregen können. Doch da sie die Sache scheinbar gut überstanden hat, geht schon bald wieder alles seinen gewohnt gemächlichen Gang.

Doch es brodelt unter der Oberfläche von Alltagsnormalität und Wohlerzogenheit. Nichts ist so, wie es scheint. Nicht nur, dass Marcia immer mehr an Gewicht verliert. Lettys Freundin will einen Geistlichen heiraten, weshalb sie wohl doch nicht mit ihr zusammenziehen kann. Und hat sich Norman etwa verliebt? Und was erlebt Edwin wirklich bei seinen einsamen Spaziergängen? Die Lage wird ernst, als bekannt wird, dass Marcia kurze Zeit nach ihrer Pensionierung in einen Zustand lebensbedrohender Verwahrlosung gerät.

Barbara Pyms Quartett im Herbst entpuppt sich zusehends als grotesk-sarkastische Middle-Class-Satire. Mit präzise entlarvendem Blick enttarnt sie die scheinbar ruhige Gelassenheit des Lebensherbstes als das, was sie in Wahrheit ist: das über die Maßen anstrengende und schier endlose Warten auf das Ende des belanglosen Lebens in einer belanglosen Welt.

Die rosafarbene Idylle, die der Schutzumschlag suggeriert, ist nichts als ein ironisch-verlogenes Zerrbild. Denn die Frucht ist reif und längst gepflückt. Nach dem Verzehr bleibt: nichts. - Quartett im Herbst erzählt davon, wie man es schafft, mitten im Leben stehend, das Leben zu verpassen. Unterkühlt, komisch, britisch.

Ein Meisterwerk. Ich wusste es: Auf Rainer Moritz ist Verlass!

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©Peter Cremer, Januar 2022

45 | Barbara Pym: Quartett im Herbst. 2022, DuMont, 978-3-8321-8164-2 [ISBN]


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