Titelbeschreibung: E-Book

38 Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerung

Yoko Ogawa

Insel der verlorenen Erinnerung

(übers. von Sabine Mangold)

Liebeskind

So fängt es an, ganz harmlos: „Manchmal frage ich mich, was auf der Insel zuerst verschwand.“ (S. 5) Eine namenlose Ich-Erzählerin, Beruf: Romanschriftstellerin, berichtet von ihrem Leben auf einer ebenfalls namenlosen Insel (im japanischen Meer?). Wir erfahren einiges über die Eltern: der Vater – ein Vogelkundler (so lange, bis die Vögel verschwinden); die Mutter – eine Bildhauerin (so lange, bis sie verhaftet wird und in der Haft zu Tode kommt (Mord? Selbstmord?). Was geht da vor sich auf der Insel? Warum verschwindet nach und nach alles, was Leben lebenswert macht: Hüte, Haarbänder, Rosen, Bücher …? Und was hat es mit der Erinnerungspolizei auf sich, die mehr und mehr brutal darüber wacht, dass mit den Gegenständen auch die Erinnerungen an diese Gegenstände verblassen und schließlich ganz verschwinden? Vor allem verfolgt die Erinnerungspolizei die Menschen, die es irgendwie dann doch schaffen, Erinnerungen in sich wachzuhalten. Immer mehr Razzien, immer mehr Verhaftungen, immer mehr verschwundene Menschen, nachts auf Lastwagen davongekarrt. Und die, die das Treiben beobachten? Zuerst haben sie Angst, dann atmen sie auf, dass nicht sie es sind, die man abtransportiert, dann verblasst die Erinnerung an das Ereignis, dann hat man es bald ganz vergessen. Immer mehr Verlust. Und in der Folge: Ohne Erinnerung keine Kultur. Ohne Kultur kein Leben. Ohne Leben keine Zukunft. Zukunft ohne uns. Völlige Auflösung. Mit den Beinen wird es anfangen. Das Ende.

Wie lange ist das her, dass ich ein Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte, bis es ganz ausgelesen war, mich nicht gekümmert habe um Essen und Trinken, ja sogar: mir verboten habe zu schlafen? Weil ich unbedingt wissen wollte, was das ist, das da auf dieser Insel geschieht.

Yoko Ogawa hat einen literarischen Pageturner allererster Güte verfasst, eine Dystopie des Schreckens und der Ohnmacht, eine Allegorie auf das Verschwinden der Spezies Mensch, einen Roman des Todes und der Kälte. Der aber zugleich ein Hohelied auf die Hoffnung singt, die wir niemals aufgeben sollten, ganz gleichgültig, wie groß auch der Schrecken sein mag, dem wir ausgeliefert sind. – Schon 1994 veröffentlicht, legt der Verlag Liebeskind 2020 Ogawas Roman nun endlich in deutscher Sprache vor. Ganz wunderbar wie schwebend leicht übersetzt aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Ein geradezu sprachlos vor Staunen machendes Kunstwerk, so klug, so spannend, so ergreifend, so wahr wird darin erzählt.

Orwell und Huxley lassen grüßen, wobei Ogawas sprachliche Gestaltung des Unsagbaren um ein Vielfaches virtuoser ist als die nicht minder erschütternden Romane ihrer männlichen Vorstreiter.

Von der Notwendigkeit, die Vergangenheit zu bewahren, damit Gegenwart gelingt und Zukunft eine Chance hat stattzufinden, davon erzählt die japanische Meisterautorin in „Insel der verlorenen Erinnerung“. Und benötigt dazu ganz wenig Personal: eine Schriftstellerin, deren Lektor R, einen alten Mann, der auf einem Fährschiff lebt, das längst außer Dienst gestellt im Hafen der Insel vor sich hin rostet und die Gruppe der roboterhaft handelnden Gesetzeshüter, vollkommen gefühllos, nur Befehlen verpflichtet, nur Befehle ausführend.
Es sind keine hundert Jahre vergangen, da verschwanden auch in Deutschland erst Dinge, dann Menschen, und anderswo geschieht dies tagtäglich, auch heute, während ich diesen Text schreibe … Yoko Ogawa hat einen beängstigend aktuellen Roman verfasst.

Ein hoher Beamter der Erinnerungspolizei beschreibt seine Arbeit so: „Unsere vorrangige Arbeit besteht darin, überflüssige Dinge aus unserer Gemeinschaft zu entfernen und nutzlose Erinnerungen unverzüglich auszumerzen. Es hat ja keinen Sinn, sie im Gedächtnis zu bewahren. Finden Sie nicht auch? Wenn Ihr großer Zeh einen Wundbrand hätte, müsste er doch auch amputiert werden. Wenn Sie sich von Ihrem Zeh nicht trennen wollen, verlieren Sie am Ende das ganze Bein. Es ist das gleiche Prinzip. Der einzige Unterschied ist, dass unser Gedächtnis und unsere Seele nicht sichtbar sind. Der Mensch kann alles Mögliche verbergen. Da wir es mit einem unsichtbaren Gegner zu tun haben, gehen wir intuitiv vor. Es ist eine äußerst delikate Angelegenheit. Um verborgene Geheimnisse aufzudecken, zu analysieren, auszusondern und zu eliminieren, müssen wir uns durch strikte Diskretion schützen. Das ist doch nachvollziehbar, oder?“ (S. 134 f.) Dabei hat sich die Erzählerin nur nach dem Verbleib des alten Mannes erkundigen wollen, der seit über einer Woche nicht mehr in ihrer Wohnung erschienen ist. Beide (Erzählerin und alter Mann) bewahren ein gefährliches Geheimnis. Verstecken sie doch im Zwischengeschoss des Wohnhauses der Schriftstellerin den Lektor, der von der Erinnerungspolizei verfolgt wird, weil er einer von denen ist, die Erinnerungen bewahren können und deshalb zur Staatsgefahr zu werden drohen.

Es sei noch erwähnt, dass sich inmitten des allgegenwärtigen Grauens eine zarte Liebesgeschichte anbahnt, dass längst verschwundene Gegenstände auf wundersame Weise wieder auftauchen (einst versteckt von der Mutter der Erzählerin): eine Tüte süßer Brausezuckerpastillen und eine Spieluhr, - vielleicht Symbole für den einst süßen Genuss und den schönen Wohlklang des alten Lebens. Neben derlei zarten Hoffnungsmomenten wird erzählt von scheinbar endlos dauernden Winterstürmen und von der todbringenden Zerstörung eines Tsunamis, vom langsamen Verschwinden des Menschen und von der Revolte des Einen, von einem Roman im Roman (dem neusten Werk der Erzählerin), einer Schauer-Groteske in der Tradition eines Borges oder Kafka, ausgeführt in höchst eindringlicher Perfektion, der ein Horrormärchen um den Verlust von Sprache zum Thema hat, dessen Schauplatz ein Glockenturm ist, vollgestellt mit defekten Schreibmaschinen und bewohnt von einem mehr als merkwürdigen Lehrer für das Schreiben mit Schreibmaschine.

350 Seiten, Geschichten über Geschichten, eine Parabel vom endgültigen Ende allen Lebens (wie wir es kennen). - Und weil von all dem erzählt wird, wird es auf immer in unserem Gedächtnis bewahrt werden.  Genau das ist ja Funktion und Bestimmung von Literatur. Besuchen sie lesend die Insel der verlorenen Erinnerung. Es wird eine im wahren Wortsinn atem(be)raubende Reise.

 

ISBN 978-3-95438-122-6

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© Peter Cremer / Oktober 2020

38 Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerung. 2021, 978-3-95438-122-6 [ISBN]


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