Titelbeschreibung: E-Book

29 J. Schreiber: Marianengraben

Jasmin Schreiber

Marianengraben

Eichborn

Das war ein langer Schultag. Jetzt auch noch Stau auf der A1. Der Kölner Ring ist ab Kreuz Nord dicht. Bei D-Radio-Kultur gibt es gerade die Literaturtipps. Die Redakteurin spricht über Jasmin Schreibers ‚Marianengraben‘. Es geht ums Sterben, um vergangenen und künftigen Tod, Leichendiebstahl, eine Reise im Wohnmobil. Ein Road-Movie mit ernstem Thema, witzig erzählt. Ach ja, der Titel sei ein wenig irreführend, obwohl die Tiefsee eine gewisse Rolle spiele. – Hinter Gleuel hat sich der Stau aufgelöst. Bis in die Eifel geht es in einem Rutsch. Ehe ich mein Gemünder Domizil ansteuere: abbiegen nach Kall. Pavliks Buchhandlung. Hallo Thomas, hast du Marianengraben an Lager? Hat er. Ich kaufe. Kirsten ruft mir noch nach: Ist vielleicht eher was für deine Frau … Ich werde sehen, also dann mal los …

Um Tim geht es. Den kleinen Bruder von Paula. Ein Schlaukopf. Ein Naturwissenschaftsgenie. Besonders Fische und Tiefsee haben es ihm angetan. Marianengraben. Unvorstellbare elftausend Meter tief. So viele sehr seltsame Lebewesen gibt es da. Dort will er einen Fisch entdecken. Der soll dann Tim-Fisch heißen.

Doch dazu wird es nicht kommen. Der zehnjährige Tim ertrinkt im Sommerurlaub mit den Eltern. Paula war nicht mitgefahren. Wegen Studium und Promotion. Jetzt macht sie sich Vorwürfe. Wäre, hätte, müsste, könnte … Die Trauer schnürt ihr die Kehle zu. Das ist kein Leben mehr. Ohne Tim. Auch die Therapie hilft nicht weiter. Ein Hinweis ihres Therapeuten verfängt dann allerdings doch. Zum Grab gehen, wenn sonst keine Menschen auf dem Friedhof anwesend sind. Also mehr oder weniger nachts auf dem Friedhof einbrechen. Ja, das will Paula versuchen.

Als sie die Idee endlich in die Tat umsetzt, geschieht dies: Sie macht die Bekanntschaft eines alten Mannes. Dessen dünne Haarsträhnen wehen im leichten Sommerwind, während er ihr erklärt: Ich hole eine Freundin ab … hole nur die Urne raus … Ich hab ihr was versprochen. (S. 28 ff.)

Ein Grabräuber? Eher nicht. Ein seltsamer Alter, der sich später als Helmut vorstellt und der einen verwegenen Plan hat, den er zusammen mit Paula durchführen möchte. Nämlich Helga dort zu begraben, wo sie und er ihr gemeinsames Leben verbracht haben. Ein altes Wohnmobil steht bereit. Die Fahrt in den Süden kann beginnen. Zwei unfreiwillig zu Bestattern gewordene Menschen auf einem Weg ins Ungewisse. Judy, der Hund des Alten ist mit von der Partie und später auch für kurze Zeit ein Huhn namens Lutz.

Die Reise wird zu einer Reise um Leben und Tod, an deren Ende Helmut und Paula ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben werden.

Die Lektüre lässt mich ein wenig zwiegespalten zurück. Idee, Botschaft, Anspruch … all das scheint mir gelungen. Woran es mangelt: an der formalen Umsetzung, an der sprachlichen Gestaltung. Jasmin Schreibers Kodierung wirkt unentschlossen. Der dem Thema angemessene Moll-Duktus des Ernsthaften wechselt zu oft mit einem slapstickhaften Jargon, der mit umgangssprachlicher Attitüde unangemessen flapsig daherkommt:
„Ja, verstehe, weiß nicht, hm, ja, also, und so, kann schon sein, äh, ja, wieso, nö, ah, cool, ja klar, herrje, okayyyy, mhh, nee, schon okay, oh, fuck, oh, wow, ja, hallo, ‚tschuldigung, oh neiiiin, boah, doch … “ (bis S. 150) - Diese Tonalität gefällt mir ganz und gar nicht. Um ein Haar hätte ich deshalb die Lektüre auf S. 150 beendet. Dass ich dann doch weitergelesen habe: Zufall. Vielleicht wollte ich zum ersten Mal eine negative Kritik für die Corner formulieren?

Egal! Der Schlussteil versöhnt mit so mancher sprachlichen Entgleisung. Beim langen Gespräch der Protagonisten über Sinn, Leben, Sterben und Tod findet Jasmin Schreiber dann doch zu jener Ernsthaftigkeit zurück, die der Thematik angemessen ist. Sie schafft es, Gedanken und Gefühle ihrer Figuren überzeugend zu formulieren, klare Perspektiven aufzuzeigen und ein versöhnliches Ende für eine zutiefst berührende Geschichte zu finden, in der phasenweise tatsächlich das gelingt, was schon die Redakteurin der Radiobeitrags gesagt hatte, dass nämlich Schreibers Roman ein augenzwinkerndes, mitunter heiter-lustiges Buch über ein jeden Leser, jede Leserin betreffendes Thema sei: den Tod.

Zum Schluss also doch eine Leseempfehlung, wenn auch eine verhaltene (sowohl für weibliche als auch für männliche Leser).

29 J. Schreiber: Marianengraben. 2021, 978-3-8479-0042-9 [ISBN]


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