Titelbeschreibung: E-Book

N. Lagioia: Eiskalter Süden

24 N. Lagioia: Eiskalter Süden

Nicolai Lagioia

Eiskalter Süden

Secession

 

Süditalien. Bari. Tarent. Meer. Alte Villen. Familienpaläste. Erlesene Speisen. – Man könnte ins Schwelgen geraten. Wären da nicht Korruption, Raffgier, Intrigen und brutale Gewalt. Die machen aus der vermeintlichen Idylle einen Ort eisiger Unwirtlichkeit. Eiskalt ist dieser Süden tatsächlich, in dem Lagioias Roman spielt.

2015 mit dem Premio Strega ausgezeichnet, schon 2016 in deutscher Übersetzung (von Monika Lustig) erschienen, lese ich die mehr als 500 Seiten erst im Juni 2020. Eine Empfehlung meiner Literaturfreundin Angelika S. aus Aachen! Wie heißt es so treffend: besser spät als nie!

Das ist kein Roman zum vergnüglichen Wegschmökern. Formal und inhaltlich verlangt der Text seinen Leserinnen und Lesern Geduld und langen Atem ab. Am Ende winkt dann aber als Lohn die staunende Erkenntnis, sich eine weitere wichtige und außergewöhnliche Facette des literarischen Topos ‚conditio humana‘ erlesen zu haben. Denn das, was wie eine Mord- und Drogengeschichte beginnt, entpuppt sich als existenzialistischer Gesellschaftsroman der Sonderklasse.

Erzählt wird vom Aufstieg und Fall der Unternehmerfamilie Salvemini. Den Eltern Annamaria und Vittorio, den vier Kindern Ruggero (der Onkologe), Clara (das Partygirl), Gioia (die Schülerin) und Michele (der psychologisch labile Möchtegernjournalist). Letzterer ist eher eine Art Kuckuckskind, das im Haus der Salveminis aufwächst, ist er doch das Kind der Geliebten Vittorios, die bei der Geburt des Jungen stirbt. Symbiotisch ist Micheles Beziehung zu Clara. Extrovertiert, weltoffen und allen Sinnesfreuden zugetan die eine, introvertiert mit einem Anflug bipolarer Schizophrenie der andere. Claras totaler Absturz wird in Michele Kräfte ungeheuren Ausmaßes freisetzen, die in letzter Konsequenz einen furchtbaren Abgrund offenbaren werden.

„Es liegt im Bereich des Möglichen, dass die schönste Knospe einen hässlichen Wurm birgt“, heißt es schon früh im Roman (S. 217). Da ist die Rede von der „Kloakenfäulnis, die mitten ins Gehirn geschwemmt wird“, da wird das Leben zur „archaischen Wunderkiste, deren Inhalt im Kontakt mit der äußeren Welt zu Albträumen wird“. (S. 218)

Man ahnt: Das wird kein gutes Ende nehmen können. – Die Natur stirbt, ebenso die Menschen. Lagioias Roman erzählt den irrlichternden Albtraum von Schönheit und Zerstörung. Und weist dabei weit über die Grenzen italienischer Gesellschaftswirklichkeit hinaus. Ein eiskaltes Leseerlebnis, das frösteln macht.

24 N. Lagioia: Eiskalter Süden. 2021, 978-3-905951-89-9 [ISBN]


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